Meine ganz besondere Ie Shima Reise / Okinawa

Okinawa Honto. Motobu. Najikin Beach.

6:00 Uhr in der Früh und die Sonne knallt auf mein kleines gelbes Zelt.

Gefühlte Temperatur beim Öffnen der Augen: 45 Grad (tatsächliche Temperatur: vermutlich 44 Grad).

Dass ein ganz besonderer Teil meiner Reise auf der Insel Ie (Ie-jima, oder im Ausland besser bekannt als Ie Shima) beginnen wird, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Dass ich mir dort ein paar entspannte Tage gönnen werde, kann ich aber schon mal vorwegnehmen.

Ich befürchte, dass dieser Artikel vielleicht ein wenig langweilig werden könnte, wegen der vielen Entspannung der nächsten Tage und weil ich die Highlights ja bereits vorweggenommen habe:

10 Gründe, warum du Ie Shima besuchen solltest

Ich befürchte auch, dass es ein langer Artikel wird.

Denn es gilt, vier unvergessliche Tage unterzubringen. Wie ich mein Fahrrad verkaufte und das außergewöhnliche Treffen mit Hiroko Kimura. Ihre Geschichte kurz wiederzugeben… unmöglich!

Diese vier Tage auf Ie Shima fühlen sich nicht so richtig nach Reisen an, sondern vielmehr habe ich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Aber ich erzähle wohl besser mal der Reihe nach:

Start in den Tag

Mir tut der Kopf weh.

Natürlich! Awamori… schon wieder dieser Awamori.

Langsam sollte ich es wissen, dass mir der Okinawa-Schnaps nicht gut bekommt.

Der Tag heute fühlt sich nicht gut an. Zu großen Aktivitäten werde ich wohl nicht in der Lage sein.

Aber jetzt ist es zu spät zum Klagen.

Ich leide noch etwas vor mich hin, während ich mein Zelt zusammenpacke und mich zum Hafen begebe.

Zum Frühstücken setze ich mich auf den Hocker eines kleinen Ramen-Restaurants.

Die fettige Nudelsuppe hilft eigentlich immer – auch bei einem Kater.

So auch heute.

Nachdem ich noch ein wenig rumgetrödelt habe, kaufe ich mir mein Ticket für die Fähre nach Ie Shima.

30 Minuten wird die Überfahrt dauern.

Mein Fahrrad darf ich kostenlos mitnehmen, wenn ich es zusammenklappe. Sonst müsste ich noch mal ein Fahrrad-Ticket dafür kaufen.

Was bin ich doch für ein kluges Köpfchen, dass ich mir damals ein Klapprad gekauft habe.

Das mit dem Zusammenklappen gestaltet sich allerdings immer weitaus schwieriger, als ich mir das ausgemalt hatte.

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Mein Reisegepäck auf dem Rad

Ich reise mit meinem 45 Liter Reiserucksack, in dem ich meine Klamotten habe, ein Zwei-Personen-Leichzelt, eine selbstaufblasbaren 130 cm kurzen Isomatte und einen Schlafsack aus Seide.

Das alles habe ich in eine große blaue IKEA-Tasche gepackt und auf dem Gepäckträger verschnürrt. 2 Liter Wasser habe ich auch noch dazugepackt. Die fülle ich regelmäßig auf. Fahrradfahren bei über 30 Grad, bedeutet eben: viel trinken (nach Möglichkeit natürlich Wasser).

Dazu kommt noch ein Tagesrucksack, in dem ich Kartenmaterial, mein Tagebuch, ein Handy, ein Handtuch, Snacks, noch mehr Wasser, einen MD Player (weißt du noch, was das ist?) und ein paar Minidiscs habe.

Meinen Tagesrucksack habe ich vorne am Lenker befestigt.

Ein ausgeklügeltes System, das für eine gute Balance des Rades sorgt. Aber mit Gepäck kann ich das Rad unmöglich zusammenklappen.

Also muss ich alles runternehmen, das Rad zusammenfalten und dann zusammen mit der Ikea-Tasche und meinem Tagesrucksack auf die Fähre schleppen.

Schieben lässt sich das Fahrrad in geklapptem Zustanden nicht mehr.

Mir läuft der Schweiß in Strömen übers Gesicht und ich bin nach solchen Aktionen schon wieder mit meinen Kräften am Ende.

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Auf der Fähre nach Ie Shima

Von der Überfahrt bekomme ich nicht viel mit.

Ich bleibe unter Deck, bei meinem Rad, wo es nach Abgasen und Benzin stinkt und die Luft unerträglich heiß ist. Hier klappe ich mein Mountainbike wieder auseinander, anschließend müssen die Taschen wieder drauf. Schließlich habe ich nur 30 Minuten und bei der Ankunft nicht viel Zeit, um die Fähre wieder verlassen.

Informationen zur Anreise findest du übrigens in dem 15. Teil der Okinawa-Artikelserie.

So rolle ich bei der Ankunft verschwitzt, aber stressfrei als Erste von Bord und betrete die kleine Insel.

Dabei laufe ich gleich einer jungen Frau in die Arme, die mich anspricht:

„Daniela-san?“ – „Ja. Die bin ich.“

Die Japanerin arbeitet in meinem reservierten Guesthouse, ist gekommen, um mich abzuholen und mich zur 3 km entfernten Unterkunft zu fahren.

Wie lieb!

Das mit dem Fahrrad hat sie allerdings nicht gewusst.

Wenn nicht mich, dann nimmt sie wenigstens mein schweres Gepäck in Empfang, erklärt mir kurz den Weg und schon ist sie wieder davongefahren.

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Ein Paradies für Fahrradfahrer

Die kleine Stadt Ie, die mich hier am Hafen empfängt, gefällt mir schon mal ausgesprochen gut: Es gibt einen Supermarkt, einen Family Mart (ein 24 Stunden geöffneter Konbini), Restaurants und ein paar Izakayas, das sind japanische Kneipen.

Alles recht überschaubar hier.

Die knapp drei Kilometer sind schnell geradelt, ohne mein schweres Gepäck eine Wohltat.

Zu meiner Erleichterung blicke ich über plattes Land und sehe zu meiner Linken den kleinen Berg, der sich aus den Feldern zu erheben scheint: der Mount Gushuku.

Die Größe der Insel ist … genau wie die Stadt … überschaubar. Das mag ich.

Alles ist leicht mit dem Rad zu erreichen, ein bisschen so, als gehörten wir hierher, mein kleines faltbares Mountainbike und ich. Zwar fahre ich ja gerne Fahrrad, aber selten schaffe ich mehr als 20 Kilometer am Tag bei der Hitze.

Mittlerweile fühle ich mich mit meinem Fahrrad sehr verbunden. Mein bester Freund auf dieser Reise.

Manchmal spreche ich sogar schon mit dem Rad.

Irgendwem muss ich ja von den Gedanken in meinem Kopf und den vielen tollen Erlebnissen und Eindrücken erzählen. Und unterwegs habe ich außer in die Pedalen zu treten nur wenig zu tun. Also quatsche oder singe ich vor mich hin.

Spüre ich da etwas so was wie Abschiedsschmerz?

Langsam aber sicher muss ich mich darauf einstellen, mich von meinem Rad zu verabschieden.

Nicht ganz einfach. Am liebsten würde ich es mit nach Hause nehmen. Aber ich brauche das Geld!

Morgen werde ich ein Schild am Rad anbringen, mit dem ich mein ganz besondere Mountainbike zum Verkauf anbiete. Und dann heißt es, warten und Daumen drücken.

Ob das wohl klappt? Oder ist das nur schon wieder so eine verrückte Idee von mir?

Im Notfall fahre ich halt mit dem Rad zurück nach Naha und verkaufe es dem Ghetto Guesthouse. Die haben bereits Interesse angemeldet, um es ihren Gästen als Leihrad anzubieten.

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Die Ankunft im Tsuchi no Yado

Das Tsuchi no Yado sieht genauso aus, wie auf den Fotos, die ich vor ein paar Tagen in einem Buch entdeckt habe. Sogar der Mann auf dem Foto sitzt auf der Terrasse im Schatten und trinkt Bier. Genau wie auf den Bildern.

Ich bekomme ein Einzelzimmer mit Gemeinschaftsbad zugewiesen.

Heute werde ich nicht mehr viel tun. Ein wenig im Garten sitzen und lesen, schreiben, Japanisch lernen (ja, ich habe meine Bücher mitgenommen, aber noch kein mal da reingeguckt), Musik hören und die Seele baumeln lassen.

Dieser Ort ist wie dafür gemacht.

Gesellschaft leisten mir dabei Gon, der Hund des Hauses, Nijiya, die Katze des Hauses und Kaji, der alte Mann und Nachbar, der täglich mit einer Tüte Bier hierherkommt, um sich mit den Gästen zu unterhalten.

Momentan leben hier ausschließlich Langzeitgäste, die alle im Yado zu arbeiten scheinen. Dafür bekommen sie die Unterkunft umsonst. Alle kennen sich und es herrscht eine angenehm familiäre Atmosphäre.

Und irgendwie gehöre ich von Anfang an dazu. Ich fühle mich nach kurzer Zeit angekommen, als sei ich hier zu Hause. Ein komisches Gefühl, dass mir aber ganz besonders am Reisen gefällt.

Jemand spielt auf der Sanshin. Wir kochen zusammen, essen dann gemeinsam und unterhalten uns, über dies und das. Über ganz normales Zeug. Als würden wir uns schon ewig kennen.

Und immer wieder fällt der Name der Besitzerin: Hiroko-San. Die wird morgen Nachmittag zurück sein. Gerade ist sie mit Gäste unterwegs auf einer kleinen Reise.

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Meine Pläne für Ie Shima

Ich werde wie selbstverständlich hier aufgenommen und gemeinsam mit den anderen erstelle ich meine To-do-Liste für die nächsten Tage:

  • Sonnenuntergang auf der Waji Aussichtsplattform
  • Besteigung des Gushuku Mountain
  • Das Anti-War-Peace-Museum direkt nebenan
  • Der Strand, keine 5 Minuten Fußweg von hier
  • Kakigori (geschreddertes Eis) im Strandrestaurant essen
  • Die Niatia Höhle
  • Der GI Strand
  • Auf dem Gemeindeplatz bei den Proben zum anstehenden Eisa-Festival zusehen (das Festival werde ich hier verpassen, weil ich da schon wieder in Ujibaru sein werde)
  • Einmal mit dem Rad um die Insel
  • Das Rad verkaufen
  • Mit Kaji-San ein Bier auf der Terrasse trinken

Das hört sich doch mal nach einem ordentlichen Plan an!

Das Bier-Trinken verschiebe ich allerdings auf morgen.

Ein Tag Pause wird mir gut tun. Stattdessen möchte ich mir den Sonnenuntergang gleich heute noch ansehen fahren.

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Ie Shima Tour

Als ich mich aufs Rad schwingen möchte, bietet mir Yogi, einer der Mitarbeiter des Yados an, mich mit dem Auto herumzufahren und mir alles zu erklären.

Da sage ich natürlich nicht Nein.

Nach unserer 2-stündigen-Tour habe ich dann eigentlich die gesamte Insel gesehen:

Wir sind über eine stillgelegte Landebahn gebrettert.

Sind rauf zum Waji Aussichtspunkt mit einem Wahnsinnsausblick auf das Meer, dessen Wellen sich an den schroffen Felsen der Küste brechen. Das Wasser hier ist so irre klar, dass man bis runter auf den Meeresgrund schauen kann.

Die Niatia Höhle haben wir auch kurz besucht. Lange brauchten wir uns hier nicht aufhalten. Ähnliche Höhlen habe ich schon an anderen Stellen auf der Hauptinsel besichtigt. Und den Stein, der Frauen ihren Kinderwunsch erfüllt, habe ich schön da liegen lassen, wo er liegt.

Einer Legende nach sollen Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch dieser innerhalb eines Jahres erfüllt werden, wenn sie den Stein in der Höhle einmal anheben.

Begonnen haben wir unsere Tour auf den kleinen 172 m hohen Inselberg, dem Gushuku. Von da oben kann man die gesamte Insel überblicken.

Damit kann ich gleich mal einige Punkte auf meiner Liste streichen.

Der Tag morgen wird also sehr entspannt: Museum, Strand, Kakigori essen, Bier mit Kaji-San auf der Terrasse und das Schild für mein Fahrrad basteln. Yogi-Kun will mir da mit dem Text helfen.

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Das entspannte Inselleben holt mich ein

Gott, ist das schön hier.

So unglaublich entspannend.

Rumhängen, nette Menschen um mich herum, tolle Gespräche, gemeinsames Kochen und lecker Essen.

Den Tag heute verbummele ich einfach mal so und lass ihn auf mich zukommen.

Es sind am Ende nicht die Sehenswürdigkeiten, die den Aufenthalt hier auf der Insel zu etwas Besonderem machen, sondern die Begegnungen mit den Menschen und das Gefühl, hier endlich zu mir zu kommen – mir Ruhe zu gönnen und die bisherige Reise zu verarbeiten.

Das Schild für mein Fahrrad ist schnell geschrieben. Yogi-Kun schreibt den japanischen Text für mich auf ein Blatt Papier und ich übertrage ihn auf zwei Pappschilder, die ich links und rechts am Fahrrad anbringe: Nach meiner einmonatigen Reise, muss ich zurück nach Fukushima und möchte daher dieses Klapp-Fahrrad für 10.000 Yen verkaufen. Dann folgt meine Handynummer.

Eine letzte Tour mit dem Rad führt mich in den kühlen Morgenstunden noch mal rund um die Insel und am Ende zum Supermarkt. Hier sprechen mich einige Leute an, die mein Schild am Fahrrad entdeckt haben. Weniger das Rad ist allerdings von Interesse, sondern vielmehr mein Leben in Fukushima. Dieser Teil Japans scheint die Inselbewohner sehr zu interessieren. Fukushima ist unendlich weit weg und der Gedanke an kalte Wintertage mit Schnee und Skifahren übt auf die sonnenverwöhnten Inselbewohner eine unerklärliche Anziehungskraft aus.

Später gehe ich runter zum Strand, vertrödele meine Zeit am Meer und esse das beste Kakigori かき氷 meines Lebens – ganz klassisch: Geschabtes Eis mit süßer Kondensmilch, Sirup und Anko (süße Bohnenpaste) verfeinert.

Zurück im Yado meldet sich ein erster Interessent für mein Fahrrad!

Kaji-San, der alte Herr mit der Biertüte, sieht das Schild und ist interessiert. Weniger das Fahrrad, als die Geschichte dazu, scheint sein Interesse geweckt zu haben, nur 10.000 Yen sind ihm am Ende zu teuer.

Während Yogi-Kun und ich unsere Verkaufstalent zum Besten geben, trifft Ikuko aus Osaka ein.

Sie wird länger auf Ie Shima bleiben, wenn sie hier einen Job findet.

Ich mag sie auf Anhieb. Und vor allem mag ich ihre Geschichte: Bei ihrer Ankunft ist sie mit einem „unglaublich gut aussehenden Mann“ ins Gespräch gekommen (das setze ich jetzt in Anführungszeichen, weil ich sie zitiere).

Es stellt sich heraus, dass der „japanische Adonis“ eine Kneipe auf der Insel besitzt und Bedienungen sucht. Ikuko-Chan hat also noch am gleichen Abend einen Probearbeitstag. Und vielleicht sogar den Mann für’s Leben gefunden??? Wie spannend!!! Ich finde diese schicksalhaften Begegnungen, die wie Zufall wirken mögen, immer wieder faszinieren.

Ob ich nicht auch Lust auf einen Job hier auf der Insel hätte? Ein verlockendes Angebot. Aber Zu Hause in Fukushima wartet ein Mann und ein gut bezahlter Job als Lehrerin auf mich, beides möchte ich ungerne spontan aufgeben.

Aber schön zu erleben, wie einfach es manchmal sein kann, einen Job zu finden.

Ikuko-Chan begleitet mich zum Museum der Kriegserinnerungen, das sich gleich nebenan befindet, wenn ich ihr verspreche, sie mal in der Kneipe bei ihrer Arbeit zu besuchen.

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Das Anti-War-Peace-Museum

Der Besuch ist seine 300 Yen wirklich wert.

Hier werden Gegenstände gezeigt, die man auf Okinawa nach dem Krieg gefunden hat, die an den Zweiten Weltkrieg erinnern sollen: Patronenhülsen, Plakate, durchlöcherte Fahnen, zerrissene Kleidungsstücke, Fotos von den Massengräbern in den Höhlen… geht einem wirklich ans Herz, gleichzeitig irre informativ, auch ohne Japanischkenntnisse.

Hier gibt es außerdem Aufkleber, T-Shirts und andere Produkte, die den Frieden auf der Welt im Allgemeinen und die Unabhängigkeit Okinawas im Speziellen von Japan fordern: Hier wird Okinawa immer nur als Ryukyu bezeichnet, dem alten Namen der Inselgruppe und ein Zeichen, für den Wunsch nach Unabhängigkeit.

Ich höre mir die Beweggründe für diesen Wunsch nach Unabhängigkeit gerne von den Menschen hier an und kann sie sehr gut verstehen und auch nachvollziehen, warum sie sich Japan nicht zugehörig fühlen: Ie Shima ist zu fast 30% amerikanisches Hoheitsgebiet. Niemand aus der Regierung wagt es, sich dagegen auszusprechen. Man möchte es sich nicht mit dem großen „Verbündeten“ verscherzen. Dass die Menschen, die hier leben, aber darunter leiden, unter dem Lärm der Kampfjets z.B. oder unter dem verlorenen Land, darunter, dass US Dollar hier eine akzeptierte Währung ist, das alles ist halt der Preis, den die Menschen hier für die vermeindliche „Sicherheit durch die Amerikaner im Notfall“ bezahlen.

Für eine politische Diskussion reicht mein Wissen dann allerdings bis heute nicht aus. Mit den genauen Hintergründen muss ich mich einfach nochmal genau beschäftigen.

Trotzdem habe ich mir ein Ryuyku-T-Shirt gekauft, aus Solidarität und um dieses Museum zu unterstützen.

Weitere Informationen zu dem Museum findest du im 15. Teil der Artikelserie.

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Treffen mit Hiroko Kimura

Zurück im Yado herrscht große Aufregung: Die Besitzerin Hiroko-San ist mit der Studentin Ikumi von ihrer Reise zurückgekehrt und hat sich erst mal auf ihr Zimmer zurückgezogen.

Ikumi-Chan ist Langzeitgast und schreibt hier ihre Abschlussarbeit – irgendwas mit Philosophie, Krieg und Frieden, wenn ich das richtig verstanden habe.

Auch mit Ikumi verstehe ich mich auf Anhieb.

Wir sind gerade in einem Gespräch über Musik vertieft, als eine etwa 65-jährige Frau mit lila Haarsträhnen ins Zimmer gerollt kommt. Hiroko-San.

Das ist sie also. Die Besitzerin, von der alle sprechen.

Dass sie im Rollstuhl sitzt und komplett gelähmt ist, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.

Als sie mich mit ihrem etwas verzerrtem Gesicht anlächelt, weiß ich sofort, dass sie es ist. Diese Frau berührt mich mit ihrem Lächeln auf eine ganz spezielle Art – so aufrichtig und ehrlich und dann diese Ausstrahlung, die von ihr ausgeht.

Und da kenne ich ihre ganze Geschichte noch nicht.

Sie sieht so glücklich aus und ist richtig stolz, mich als deutschen Gast in ihrem kleinen Tsuchi no Yado begrüßen zu können. Dabei ist sie der Star. Aber das weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Sie spricht Englisch und ein wenig deutsch, allerdings verstehe ich sie anfangs nur sehr schlecht.

Hiroko-San hat seit ihrem ersten Lebensjahr nach einem Fieberanfall eine zerebrale Lähmung und eine permanente Spastik. Ihr ganzer Körper ist davon betroffen, auch ihre Sprachfähigkeit ist eingeschränkt. Einzig die Zehen ihres linken Fußes sind nicht gelähmt.

Keine halbe Stunde später sitze ich mit ihr über alte Fotoalben, in denen sie mir von ihren Reisen in der ganzen Welt erzählt und mir ihre Freunde in Deutschland zeigt.

Hiroko-San ist seit 1967 Mitglied der International Association of Mouth and Foot Painting Artists. Diese Organisation hat ihren Sitz in Liechtenstein und die hat ihr damals auch eine
Reise durch Europa ermöglicht. Dabei hat sie ein bisschen Deutsch lernen können, aber leider schon wieder alles vergessen, wie sie lachend gesteht.

Sie hat ein paar enge Freundschaften zu Deutschen über all die Jahre bewahren können. Deshalb freut sie sich auch so sehr über meinen Besuch.

Ich verschweige jetzt einfach mal, dass ich eigentlich nur wegen der gemütlichen Veranda und der Aussicht auf ein bisschen Entspannung in ihrem YADO eingecheckt habe.

Beim Durchsehen ihrer Fotoalben wird mir eines sehr schnell bewusst:

Diese Frau hat keine Angst vor gar nichts. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann setzt sie alles daran, es zu realisieren. Sehr beeindruckend und bewundernswert.

Jeder, der Angst vor Reisen in unbekannte Länder und Kulturen hat und der sich nicht traut, weil er die Sprache vielleicht nicht versteht, der sollte sich einmal vorstellen, wie eine Japanerin im Rollstuhl, die bis auf 5 Zehen komplett gelähmt ist, sich aufmacht, die Welt zu entdecken.

Jeder der Bedenken hat, ob er Japan alleine bereisen soll, dem wird dieser Gedanke vielleicht die letzten Zweifel nehmen.

Wie ist das nur möglich, im Rollstuhl durch die Welt zu reisen? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Das muss echt mühsam sein!

Viele ihrer Reisen hat sie zusammen mit ihrer Tochter gemacht.

Ihre Tochter? Diese Frau hat ein Kind zur Welt gebracht???

Kimura-San bemerkt meine fragenden Blicke und wirkt irgendwie amüsiert, dass sie hier auf jemanden getroffen ist, der ihre Lebensgeschichte noch nicht kennt – noch nie davon gehört hat.

Unter den Alben liegt ein Bündel notdürftig zusammengehaltener DIN A4 Blätter:

„Das ist meine Geschichte! Ich habe sie 1995 in einem Buch zusammengeschrieben. Ein guter Freund war so nett, sie ins Englische zu übersetzen. Leider ist dies mein einziges Manuskript, deshalb brauche ich es später wieder zurück!“

Damit verabschiedet sie sich für den Abend, lächelt mir noch einmal zu und lässt mich allein.

Ich kann es kaum erwarten „ihre Geschichte“ zu lesen. Als ich mit dem Bündel auf mein Zimmer gehe, öffnet sich die gegenüberliegende Tür und Hiroko-San bittet mich noch einmal kurz um Hilfe. Ich soll mir ein Buch aus einem der oberen Regale holen:

„Das schenke ich dir. Es ist mein Buch auf Japanisch. Sicher wirst du es eines Tages lesen können!“

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Ich bin gerührt und ein wenig stolz, dass ich den Titel bereits lesen kann:

Da weiß aber jemand, wie er mich motivieren kann.

Zurück in meinem Zimmer nehme ich aber vorerst das englische Manuskript zur Hand.

Schon nach den ersten Seiten bin ich gefesselt. Ich lese ihre ganze Geschichte noch in dieser Nacht. Ich kann mich an kaum ein Buch erinnern, dass mich so ergriffen hat.

Immer wieder muss ich es aus der Hand legen, damit meine Tränen nicht auf die mit Schreibmaschine geschriebenen Seiten des Unikats fallen.

Noch während ich lese, schreibe ich mir einige prägnanten Stellen des Buches in mein Tagebuch. Und als ich am Morgen glücklich, aber erschöpft, das Manuskript schließe, kann ich alles, aber nicht schlafen.

Also fasse ich die gesamte Geschichte für mich noch einmal zusammen. Denn wer weiß, wann ich in der Lage sein werde, ihr Buch einmal selbst auf Japanisch zu lesen. Dass ich das irgendwann kann, da bin ich mir plötzlich ziemlich sicher.

Denn Hiroko-Sans Botschaft hat sich bereits tief in mir festgesetzt:

Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst!
Nichts und niemand kann dich von deinen Träumen und Wünschen abhalten!

Und kein Mensch kann das besser sagen, als eine Frau, die genau danach lebt. Jeden Tag! Denn Hiroko-Sans Leben ist ein ewiger Kampf gegen Grenzen und das Unmögliche:

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“Life on the Left Toes”

In dem Buch Begegnungen auf Reisen habe ich ihre Geschichte bereits ausführlicher erzählt. Aber ich empfehle dir, wenn du Japanisch kannst, ihre komplette Lebensgeschichte im Original zu lesen:

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Die Japantimes hat das Leben der Hiroko Kimura zusammengefasst in diesem Artikel (englisch). Ebenfalls auf Englisch hat der Journalist Jon Mitchell im Asia Pazific Journal ihr Leben ausführlich beschrieben.

In ihrem Buch, ihrer Autobiografie, erzählt Hiroko Kimura über ihr Leben als Behinderte in Japan in den 50er Jahren, wie sie ihre Mutter verlor und von ihrer depressiven Zeit als Jugendliche eingesperrt in einem kleinen Zimmer. Sie schildert ihren Selbstmordversuch und wie sie neuen Lebensmut entwickelt, sich über die Grenzen des Unmöglichen hinwegsetzt, sich selbst das Lesen und Schreiben, Stehen und Laufen beibringt und dann langsam beginnt, ein unabhängiges Leben zu führen. Sie schildert ihre Probleme, als gelähmte Frau ein Kind auf die Welt bringen zu dürfen und es alleine ohne Ehemann aufzuziehen. Sie erklärt auf mitfühlende Weise, wie es ist, nicht dazuzugehören, weil sie „nicht normal“ ist. Wie ihr das Glücklichsein immer wieder abgesprochen ist, weil sie „in ihrem Zustand“ doch unmöglich ein zufriedenes Leben führen kann. Ganz abgesehen von ihren Träumen, Wünschen und der Vision, die Welt zu verbessern.

In dem Buch findest du auch einige ihre Bilder, die sie mit ihren Zehen und dem Mund gemalt hat, genau wie japanische Tanka und Haiku, Gedichte, die ihre Gedanken widerspiegeln – traurige, wie glückliche und hoffnungsvolle.

Das Buch erzählt von ihrer großen Vision im Leben, anderen Menschen mit ähnlichen Schicksalen zu einem unabhängigen Leben zu verhelfen, ihnen nicht nur Mut zu machen, sondern ganz praktische Tipps für den Alltag mitzugeben.

Ihr Traum ist das Projekt MANABI-YA, ein Netzwerk von Lernzentren in der ganzen Welt, mit dem Ziel, Menschen mit Behinderungen lebensnotwendige Fähigkeiten anzutrainieren und einen Ort zur Verfügung zu stellen, der herzlich, offen und ohne Vorurteile ist und in dem sich jeder um jeden kümmert, so wie eben das TSUCHI NO YADO hier.

1983 eröffnete Hiroko-San ihr erstes komplett behindertengerechtes Guesthouse.

Hier lebt sie seitdem gemeinsam mit ihrer Tochter, ein paar Mitarbeitern und ihren Gästen.

Tsuchi no Yado – „Inn of the Earth“ nennt sie das kleine Haus.

Menschen aus aller Welt, jeglicher Kulturen, allen Alters und Fähigkeiten sollen hier willkommen sein. Menschen aus allen Schichten und Berufen sollen sich hier begegnen können.

„Tomo ni ikiru“ – Durch das Zusammenleben, lernen wir vom Leben

Und hier befinde ich mich, während ich die Geschichte dieser unglaublichen Frau lese.

Sie schläft direkt gegenüber, mit ihrer wundervollen Tochter habe ich bereits zusammen Essen gekocht.

„Was für tolle Begegnungen! Was für ein zauberhafter Ort!“

Hiroko-San ist noch immer voller Abenteuerlust, setzt ihre Reisen in alle Teile der Welt fort, malt und inspiriert viele Menschen um sich herum.

“I love the earth, I love people and I love myself.” (Hiroko Kimura)

Das Buch hat mich wirklich ergriffen und zum Nachdenken gebracht.

Heute hänge ich meinen Gedanken einfach nach, trinke Kaffee, lese, schreibe, lasse meine Reise noch mal Revue passieren und bereite mich langsam auf meine Rückreise vor. Ein Innehalten beim Reisen ist manchmal wirksam, um zu begreifen, welches Geschenk man sich mit der Reise tatsächlich macht.

Was für eine tolle Reise das doch bisher war. Eine echte Bereicherung für mein Leben, die mich inspiriert hat und mir einen Energieschub für die kommenden Monate geben wird.

Das Leben in Fukushima erschien mir bei der Abreise schrecklich trist, öde und langweilig.

Diese Reise war genau das, was ich gebraucht habe, um meinem Leben wieder einen Kick zu geben.

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Mein Rad wechselt den Besitzer

Am Nachmittag kommt wie immer Kaji-San mit seiner Tüte voller Kaltgetränke und teilt mir seine Entscheidung mit: Er möchte gerne mein Fahrrad kaufen.

Ich schaue ihn etwas ungläubig an. Kaji-San ist schließlich nicht mehr der Jüngste und ich habe meine Bedenken, dass ihm die gebückte Haltung auf meinem Mountainbike auf Dauer nicht zu schwer fallen wird.

Aber er will es unbedingt und nun beginnen wir mit der Preisverhandlung.

Ich komme ihm mit 8.000 Yen entgegen, nicht zuletzt, weil mich mein Gewissen zwingt und ich einfach nicht glaube, dass er mit dieser Art von Fahrrad wirklich glücklich werden wird. Er widerspricht heftig und hält es für eine gute Idee, abends mit leerer Tüte auf dem Rad nach Hause zu fahren.

Am Ende einigen wir uns auf 8.010 Yen. Auf die 10 Yen behaart er. Keine Ahnung, warum.

Mein geliebtes Rad wechselt somit an diesem Abend seinen Besitzer, einen würdigen, wenn auch etwas alten Besitzer für das flotte Rad.

Ab jetzt bin ich hier nicht mehr mobil. Daran muss ich mich erst gewöhnen.

Aber eigentlich habe ich ja schon alles hier gesehen, zum Strand kann ich auch zu Fuß und um die Stadt zu kommen, kann ich einen der Mitarbeiter bitten, mich schnell mit dem Auto zu fahren.

Den Fahrservice werden wir am Abend auf jeden Fall benötigen.

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Auf Kneipentour

Ikumi-Chan und ich beschließen, nach dem Kochen noch im Izakaya vorbeizuschauen, in dem Ikuko-Chan nun arbeitet. Wir können noch eine Gruppe Japanerinnen überreden, die heute angekommen sind: 4 Lehrerinnen. Eine davon hat sich doch glatt in den Schulfotografen verliebt, gesteht sie mir, als ich ihr erzähle, dass Daisuke Schulfotograf ist.

Als wir im Izakaya ankommen, sehen wir Ikuko-Chan an der Bar sitzend, Awamori trinkend und heftig mit dem Besitzer – ihrem Chef – flirtend.

Ikumi-Chan und ich sehen uns an und müssen grinsen.

Hatte sie nicht etwas von einem „echt gut aussehenden Mann“ erzählt??? Also, das ist ja mal wirklich Geschmacksache. Aber den Job als Servicekraft hat sie in jedem Fall sicher und es scheint ihr auch richtig Spaß zu machen.

Als wir zum Guesthouse zurückkommen (Yogi-Kun holt uns nach einem kurzen Telefonat mit dem Wagen ab), entdecke ich mein Fahrrad vor dem Yado. Kaji-San war am Ende doch leicht betrunken und hatte beschlossen, das Rad lieber stehen zu lassen.

Einige Monate später habe ich von Yogi-Kun erfahren, dass Kaji-San dem Tsuchi no Yado das Rad geschenkt hat. Es war ihm doch zu unbequem!!!.

So ist ein Teil von mir immer an diesem ganz besonderen Ort.

Ein schöner Gedanke, nicht wahr?

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Abschied vom Ie Shima

Der Abschied fällt mir dieses Mal richtig schwer.

Ein echtes Abenteuer war mein Aufenthalt hier eigentlich weniger. Viel mehr haben mich die Tage hier zur Ruhe kommen lassen und mich sehr nachdenklich gestimmt.

Jeden Herbst bekommt das Tsuchi no Yado von mir nun eine Kiste mit Nashi-Birnen aus Fukushima und im Sommer eine Kiste mit saftigen Pfirsichen aus meiner Heimat.

Ich erhalte dafür immer ein Foto von meinem Rad. Oft steht Kaji-San stolz neben dem Rad, seine Plastiktüte in der Hand. Damit nach Hause ist er allerdings noch nie gefahren.

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Geschichten einer ganz besonderen Japanreise | Okinawa mit dem Fahrrad

2005 bin ich mit dem Fahrrad für einen Monat in Okinawa gereist. Damals arbeitete ich als Englischlehrerin an einer japanischen Junior-Highschool in Fukushima und hatte den Sommer frei. Meine Anreise mit Regionalzügen und Containerschiff, die Suche nach einem geeigneten Fahrrad und was ich noch auf dieser unglaublichen Reise erlebt habe, kannst du hier nachlesen:

Der Okinawa Reisebericht im Überblick

2 Kommentare

  1. Terttu Saari

    Daniela-san,
    ein wunderbarer Bericht, vielen Dank.
    Du liebst das Leben und die Welt, du liebst die Menschen und ihre Geschichten.
    Dies spüre ich in deinen Berichten.
    Tepa

  2. Liebe Daniela

    Das ist wirklich ein wunderschöner Beitrag, und entgegen deiner Vermutung ist er überhaupt nicht langweilig!
    Eigentlich hat er mich sogar an mich selbst erinnert. Ich hatte gerade zwei Wochen Ferien, und da gerade Semesterferien sind, hatte ich wirklich keine Arbeit, also auch nichts zu lernen. Da ich auch sonst gerade in einer anspruchsvollen Situation bin, habe ich diese zwei Wochen Ruhe und Entspannung einfach gebraucht, um mal wieder etwas runterzufahren und mich von der ganzen Anspannung und dem Stress der letzten Jahre etwas zu erholen. Manchmal muss man sich einfach Zeit gönnen, um wieder zu sich selbst zu finden und sich zu erholen.

    Ich freue mich, dass du immer noch Kontakt zum Tsuchi no Yado pflegst und hoffe für dich, dass du Hiroko-san und die Insel bald wieder besuchen kannst.

    Liebe Grüsse
    Sarah

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