Ein Rad muss her – Fahrrad kaufen in Japan

Artikelserie Teil 6: Auf der Suche nach einem Fahrrad für meine Reise. Bild von einem Haufen Schrotträdern | Nipponinsider Japanblog

Viel zu wenig Schlaf.

Viel zu viel Alkohol in der letzten Nacht.

Nie wieder Awamori, soviel steht fest!!!

Wie soll ich bloß den Tag heute überstehen?

Mit dem Schädel kann ich unmöglich in der Hitze Fahrrad fahren.

Die organisierte Suche nach dem perfekten Rad

Als ich den Frühstücksraum betrete, sind die Besitzer und einige Gäste in einer Diskussion vertieft und eifrig dabei, etwas zu planen. Sie malen Punkte in einen Stadtplan, schreiben an einer Liste, telefonieren und streichen in der Liste rum.

Als ich gefragt werde, wie hoch mein Budget für’s Fahrrad ist, da merke ich erst, was hier abgeht: die organisieren hier gerade meine Fahrradsuche.

Jetzt bin ich aber gerührt.

Ich dachte, ich fahre hier einfach in ein Homecenter oder frage mal bei den kleinen Fahrradwerkstätten nach, die es gefühlt in jeder zweiten Straße in Japan gibt. Stattdessen wird die Suche hier mal richtig professionell angegangen. Das „Organisationsteam“ hat sich in zwei Lager gespalten:

Team Mauntenbaiku (Mountainbike) und Team Oritatami Jitensha (Faltbares Fahrrad).

Die haben doch tatsächlich eine Pro und Contra-Liste erstellt!!! Wie abgefahren ist das denn???

Vielleicht liegt es an meinem elenden Zustand? Oder sind die wirklich alle einfach nur nett hier?

Und auch wenn ich am liebsten wieder zurück ins Bett möchte, sitze ich wenig später doch wieder auf dem klappernden Fahrrad des Guesthouses und radle durch die Hitze, mit dem Stadtplan und ein paar Listen (die ich leider nicht lesen kann, weil sie komplett auf Japanisch geschrieben sind).

Zunächst geht es zu den großen „Sport Depots“ und Homecenter / Baummärkte. Die Preise sind hier überall ähnlich, aber etwas teurer als bei uns in Fukushima. Die Auswahl an Rädern ist typisch für Japan:

ママチャリンコ / Mama-charinko oder Mama-chari

Fahrrad in Japan. Silbernes Mama-chari oder Mama-charinko mit Einkaufskorb am Lenkrad und einem Gepäckträger. Zum Thema Fahrrad kaufen in Japan | Nipponinsider

©2003 by Nipponinsider | Mein erstes Fahrrad in Japan für 8000 Yen: ein Mama-chari. MIT GEPÄCKTRÄGER!!!

= in stinknormales Einkaufsrad, Mamarad oder Hausfrauenrad

– Keine Gangschaltung
– Kein Gepäckträger, dafür einen großen Korb am Lenkrad
– einfache Bremse

+ günstig (hier in Naha für 11.900 Yen, normal so um die 8.000-10.000 Yen)
+ Licht, Schloss und Ständer inklusive

=> für gemütliches Fahren in der die Stadt und ideal zum Einkaufen und für den täglichen Gebrauch.

マウンテンバイク /  MTB / Mountainbike

+ 7 bis 21 Gänge
+ fährt sich leicht
+ sieht cool aus
+ gute Bremsen

– teuer (hier ab 30.000 Yen)
– Extrakosten für Schloss (günstig: 300 Yen, gut: ab 3000 Yen), Licht+Batterien (ca. 1000 Yen), Ständer (ca.) 2000 Yen
– kein Gepäckträger (hier ab 5000 Yen)

=> Für längere Touren und auf unebenen Wegen und für den, der Fahrrad fahren als Hobby und Sport betreibt.

折りたたみ 自転車 / Oritatami Jitensha

Fahrrad in Japan. Schwarzes Faltrad / Klapprad oder Oritatami Jitensha mit Gepäck. Zum Thema Fahrrad kaufen in Japan | Nipponinsider

©2004 by Nipponinsider | Mein Faltrad in Fukushima / 9000 Yen. MIT GEPÄCKTRÄGER!!! Auf der Reise nach Kyoto

= Ein Faltrad oder Klapprad

+ günstig (hier in Naha für 12.900 Yen, normal so um die 10.000 Yen)
+ Mitnahme im Zug möglich (nur in einer Fahrradtransport-Tasche!)
+ kostenlose Mitnahme auch auf Fähren
+ 3 bis 7 Gänge
+ inklusive Ständer

– kleine Räder, daher doppelt anstrengend zu fahren
– Licht und Gepäckträger (hier in Naha) nicht inklusive
– Transporttasche nirgendwo erhältlich (kostest normal auch nochmal um die 3.000 Yen)

=> das Rad für den Pendler, der sich nicht scheut, das immer ein- und auszupacken. Für Reisen mit Bus, Bahn, Fähre oder Flug.

Fahrradtransporttaschen in Japan. Hier zwei Oritatami Jitensha mit Gepäck gut verpackt. Zum Thema Fahrrad kaufen in Japan | Nipponinsider

©2004 by Nipponinsider | Unterwegs im Zug: Fahrräder gehörten bei Bahnfahrten in Japan in eine Transporttasche

Wo sind bloß die Fahrräder mit Gepäckträger?

Verstohlen schaue ich auf die Mountainbikes. Damit wäre meine Reise ein Kinderspiel. Aber leider sind die viel zu teuer und natürlich suche ich den Gepäckträger wieder vergebens.

Sicher könnte ich auch mit dem Rucksack inklusive Zeltausrüstung auf dem Rücken durch die Gegend fahren, aber ganz ehrlich…

Nee. Das muss bei der Hitze wirklich nicht sein.

Geld sparen hat oberste Priorität

Meine Fahrradsuche geht weiter im Hafenviertel. Und wo ich schon mal hier bin, kann ich mir auch gleich ein Ticket nach Aka-jima kaufen.

„Fahrrad kostet extra – nochmal ein Drittel des Ticketpreises zusätzlich!“ erfahre ich hier. „Es sei denn, es ist ein Klapprad. Das ist umsonst!“, erklärt mir die freundliche Dame. Damit habe ich meine Entscheidung schon fast getroffen.

Im nächsten Laden, einem teuren Fahrradfachgeschäft, hatte der Besitzer meines Guesthouses bereits telefonisch angefragt. Ich lasse mir das reservierte Mountainbike zeigen. Das gebrauchte Rad soll 18.000 Yen kosten – ohne Gepäckträger, na klar. Der kostet hier nochmal 5900 Yen extra.

Ein faltbares Mountainbike, das wäre ideal. „Sowas gibt es nicht!“ erklärt mir der Verkäufer. Ja, dachte ich mir irgendwie schon. Hab ich selbst auch noch nie gesehen.

Aber 23.900 Yen sind mir einfach zu viel.

Jetzt steht nur noch ein Schrotthändler auf meiner Liste, dann bin ich durch. Dann muss ich mich entscheiden.

Übrigens bin ich ganz froh, nur 160 cm groß zu sein. Wer lange Beine hat, der wird es bei der Suche nach einem Fahrrad in Japan nicht ganz einfach haben!

Das Rad, das es nicht gibt

Und dann steht es da!!!

Das gibt es doch gar nicht, oder?

Es existiert also doch!!!

Es ist fast so, als hätte da jemand aus meinen Wünschen ein Fahrrad gebastelt und mir genau so vor die Nase gesetzt:

ein Mountainbike
zum Zusammenklappen
mit Gepäckträger!!!

Selbst wenn ich das Rad am Ende der Reise nicht verkaufen kann, den Gepäckträger werden sie mir hier auf Okinawa mit Sicherheit aus den Händen reißen.

Was das Fahrrad wohl kostet? Ich trau mich gar nicht zu fragen.

Ich will dieses Fahrrad – unbedingt.

Wenn man es genau nimmt, dann sind es eigentlich zwei Fahrräder, zumindest mal gewesen. Die Vordergabel mit Federung ist Weiß, der Rest des Rades ist Rot. Wer weiß, aus wie vielen Rädern das am Ende wirklich zusammengebaut wurde?

Aber es ist wunderschön. Perfekt.

Als ich nach dem Preis frage, klopft mir das Herz. Hoffentlich merkt der Verkäufer nicht, dass er da in Besitz meines Traumrades ist, für das ich fast alles zahlen würde.

20.000 Yen soll es kosten. Oufff. Das ist zuviel.

Vielleicht will er es mir ja nach einem Monat wieder abkaufen, für 10.000 Yen? Das schlage ich ihm mutig vor.

Er will nicht. Aber er überlegt eine Weile und er wird weich: yuu-nana-man – 17.000 Yen.

Ein kleiner Hüpfer wäre angebracht, dabei habe ich fast vergessen, es vielleicht auch mal zur Probe zu fahren.

Ehrlich gesagt, ist es mir schon wieder viel zu heiß zum Fahrradfahren. Aber eine kleine Runde mache ich trotzdem. Es fährt sich traumhaft.

15.000 Yen scheint mir ein angemessener Preis für ein gebrauchtes Fahrrad. Das schlage ich dem guten Mann vor. Und…

Der Schrotthändler nimmt mein Angebot an und ich kann mein Glück kaum fassen.

Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich in Japan um einen Preis gehandelt habe.

Notwendiger Papierkram – Fahrrad registrieren

Wer ein Fahrrad in Japan kauft, muss es registrieren lassen. Die Radnummer, mein Name und meine Adresse werden in ein Formular eingetragen. So kann ich bei der Polizei belegen, dass es mein Rad ist.

Die Registrierung kostet eigentlich 500 Yen extra, aber für mich ist es im Kaufpreis enthalten.

Gleichzeitig bekommt das Rad auch einen Sticker, dass es registriert wurde. Damit kann ich das Rad, im Fall der Fälle, bei der Polizei als geklaut melden.

Von Ausländern habe ich oft Geschichten gehört, wie sie von der Polizei angehalten wurden. Die Polizei kann anhand der Radnummer den Besitzer des Rades schnell ausfindig machen.

Es gibt so viele verlassene Räder in Japan, und wer es nicht besser weiß, denkt sich, warum nicht so ein verwahrlostes Rad fahren, wenn es keiner haben will. Japaner wissen sehr gut, dass es illegal ist, Ausländer oft leider nicht. Und genau das weiß die Polizei und überprüft daher verstärkt Ausländer.

Der Schrotthändler hier in Naha meint allerdings, jeder kenne hier so gut wie jeden, da werde es mit den Registrierungen nicht so streng gehandhabt. Als Ausländer allerdings solle ich lieber zusehen, das das Rad auf meinen Namen registriert ist, um keine Schwierigkeiten mit den Gesetzeshütern zu bekommen.

Hin und her gefahren

Jetzt muss ich aber erstmal mit dem Klapperrad zum Guesthouse zurück, dann mit dem Bus wieder zum Hafen und dann mit meinem neuen Mountainbike wieder zum Guesthouse.

Naha hab ich dann wirklich ausreichend kennengelernt. 30 km bin ich heute locker gefahren.

Total geschafft bin ich von der ganzen Fahrerei als ich beim Guesthouse vorfahre.

Das wirklich ungewöhnliche Rad wird von allen bestaunt. Keiner hat jemals ein faltbares Mountainbike mit Gangschaltung und Gepäckträger gesehen.

Nach erfolgreicher Suche: Mein wunderschönes Mountainbike zum Zusammenklappen | Nipponinsider

©2005 by Nipponinsider | Mein Mountainbike zum Zusammenklappen. Ist es nicht wunderschön?

Die Besitzer des Guesthouses bieten sich zum Kauf des Rades nach meiner Reise an. 5.000 Yen wollen sie dafür zahlen.

Ob ich es über’s Herz bringe, dieses Fahrrad am Ende zu verkaufen? Ich glaube nicht. Aber soweit ist es noch nicht. Ich weiß ja auch noch gar nicht, wo ich meine Reise beenden werde.

Bei soviel Glück sind sich alle einig: Das muss gefeiert werden.

Und schon halte ich wieder ein Glas Awamori in der Hand. Morgen muss ich aber ganz früh raus!!!

Allein mit dem Fahrrad nach Aka-jima / Okinawa. Bild einer Krabbe im Sand mit dem Titel: Akajima Mein Inselabenteuer. Teil 7 der Artikelreihe OKINAWA | Nipponinsider

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Kennst du das? Erst suchst du vergebens und am Ende klappt es dann. Und du denkst dir: „Warum bin ich eigentlich mit der Suche nicht gleich hier angefangen?“
– Murphy’s Law lässt herzlich grüßen.

5 Kommentare

    • Das mit der Registrierung hat echt einige Vorteile.

      Ja, dass ich so tolle Leute getroffen habe, sie das in die Hand genommen haben, war wohl eine Schicksalsfügung und ein riesen Glück. Das Glück war auf dieser Reise immer an meiner Seite :mrgreen:

  1. Schöner Artikel. Vielen Dank dafür! Ich freue mich schon auf die Fortsetzung!

    Ich dachte, das Registrieren macht man nicht bei der Polizei, sondern beim Fahrradhändler? Ist das auf dem „Land“ vielleicht anders? XD

    Viele Grüße aus Tokio
    Tessa

    • Vielen Dank. Fortsetzung folgt…

      Oh. Hab ich vielleicht schlecht ausgedrückt. Klar macht man die Registrierung beim Händler. Wenn das Fahrrad weg ist, kann man es bei der Polizei als gestohlen melden – vorausgesetzt, es ist registriert 😉 Danke für’s Nachhaken

  2. Pingback: Was wir diese Woche verfolgten – KW 35 2016 - 1mal1japan.de

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