Unter der Mitternachtssonne von Higashino | Buchvorstellung

Den Thriller „Unter der Mitternachtssonne“ von Keigo Higashino in einem Blogartikel vorzustellen ist gar nicht so einfach.

Vor allem, weil er 720 Seiten lang ist.

Als mir der Tropen / Klett-Cotta Verlag dieses Rezensionsexemplar zusandte, war mein erster Gedanke:

„Na toll, ein Hardcover-Buch! Und so dick! Da werde ich allein vom Halten des Buches schon Muskelkater in den Händen bekommen!“

Diese Vermutung hat sich bestätigt – fast.

Der Schmerz zog bis in die Schultern.

Aber nur, weil das Buch so spannend war und ich es kaum noch aus den Händen legen konnte.

Der Schmerz hat sich also gelohnt.

Unter der Mitternachtssonne | Keigo Higashino

Der Originaltitel des Buches ist Byakuyakou • 白夜行 und bedeutet in etwa „Die weiße Nacht-Reise“.

Da kann ich mir genauso wenig drunter vorstellen wie „Unter der Mitternachtssonne“.

Beide Titel erschließen sich mir selbst am Ende des Buches nicht richtig, aber irgendwann erwähnt einer der Protagonisten, Ryo Kirihara, dass sich sein Leben wie unter der Mitternachtssonne anfühle.

Alle anderen Gespräche im Buch sind weit weniger philosophisch und realitätsnäher.

Der japanische Schriftsteller Keigo Higashino (oder wie Japaner ihn nennen Higashino, Keigo 東野 圭吾) wird von „The Times“ als „der japanische Stieg Larsson“ betitel und da bin ich natürlich gleich neugierig geworden.

Das Buch erschien in Japan schon 1999 und wurde zum Bestseller.

Dass es erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde, ist da verwunderlich, denn ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch bei Krimifans in Deutschland gut ankommen wird.

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Die Story

„Eine Reise ins Herz des Noir, die nicht vor der menschlichen Seele haltmacht.“ (So ein Zitat des „Independent“)

Die Kurzbeschreibung des Buches lautet:

„Ein zwanzig Jahre alter Mord. Eine Verkettung unlösbarer Rätsel. Ein Detektiv, der entschlossen ist, das dunkle Geheimnis zu entschlüsseln.“

Die Story beginn 1973 in Osaka und endet 1993, wenn der Fall endlich aufgelöst und dem Leser die Motive offenbart werden.

Der Pfandleiher Yosuke Kirihara wird ermordet in einem verlassenen Gebäude aufgefunden. Ermittlungen zum Fall laufen ins Leere. Alle Verdächtige haben ein Alibi und so wird der Fall irgendwann als ungelöst zu den Akten gelegt.

Dem Polizeiermittler Sasagaki geht der Fall aber nicht aus dem Kopf und erst 20 Jahre später, als er längst in Rente gegangen ist, kommt er hinter das grausame Geheimnis des Mordes.

Dass der 10-jährige Sohn des Opfers und die gleichaltrige hübsche Tochter der Hauptverdächtigen eine Rolle in dem Mord spielen, wird nicht nur dem Polizeiermittler schnell klar, sondern auch dem Leser.

Aber was, wenn der Leser nur auf eine falsche Fährte geschickt wird, wie es ja oft in Krimis der Fall ist?

Was fehlt, ist ein echtes Motiv.

So bleibt das Buch bis zu letzt wahnsinnig spannend.

Zwischen 1973 und 1993 wird die Geschichte der beiden Kinder erzählt:

Der Sohn des Pfandleihers, Ryo Kirihara, zunächst in dubiose Sexgeschäfte verwickelt, später als Raubkopie-Verkäufer für Computerspiele erfolgreich, muss irgendwann untertauchen.

Die schöne Yukiho wird nach dem Tod ihrer Mutter von ihrer Tante Reiko adoptiert und entkommt so dem ärmlichen Leben in Osaka. Als Hausfrau handelt sie später sehr gewinnbringend mit Aktien und wird eine erfolgreiche Geschäftsfrau mit mehreren Luxusboutiquen.

Viel mehr kann ich aber gar nicht verraten, ohne dir die Spannung zu versauen.

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Einige Japan-Aspekte des Thrillers

Neben der Hauptgeschichte ist es auch eine Reise in die Vergangenheit, zu Beginn des Computerzeitalters und zu Zeiten von der Einführung von Computerspielen in Japan.

Da werden bei dem ein oder anderen sicher alte Erinnerungen geweckt.

Japan und das Computerzeitalter

Themen wie Datensicherheit in den Anfangsjahren oder Probleme mit Hackerangriffen werden zwar nur beiläufig erwähnt, aber sie spiegeln die Skepsis in der Bevölkerung zur damaligen Zeit sehr gut wider.

Warum Japan bis heute ein Bargeldland geblieben ist?

Ein Grund liefert der Autor, indem er die Einführung der Geldkarte in Japan sehr anschaulich erklärt und die damit verbundenen illegalen Transaktionen, in den Anfangsjahren.

Auch wenn Japan immer sehr aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien ist, bis heute erlebe ich es immer wieder, wie Kreditkarten nur zögerlich verwendet werden und Japaner am liebsten alles bar zahlen.

Highschool- und Studentenleben in Japan

Der Thriller gibt einen Einblick in das High-School- und Collage-Leben und liefert hier gleich interessante Informationen, warum viele Japaner eine teuere Privatschule einer staatlichen Schule vorziehen.

Auch die Club-Kultur (schulische Vereine in verschiedenen Bereichen: Sport, Musik, Kultur,…), die in Japan einen wichtigen Teil des Schüler- und Studentenlebens einnimmt, wird dem Nicht-Japankenner sehr gut vermittelt.

Prostitution von jungen Menschen zum Gelderwerb

Der Thriller wirft einen Blick hinter die dunkle Seite Japans, von der ich auch heute immer noch höre.

Nicht-professionelle Prostitution, um möglichst einfach und schnell Geld zu verdienen.

Wie und warum junge Menschen, in diesem Fall Männer, sich für Sex verkaufen?

Gründe dafür mag es viele geben.

Der Thriller beschreibt hier ein paar sehr gängige, die so in Japan sicher kein Einzelfall sind.

Umgang mit sexuellen Übergriffen

Ein weiteres Thema oder vielmehr Tabuthema, ist auch heute wieder brisant wie nie:

Der Umgang mit Opfern von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen in Japan.

 

Hätte auch nur eines der Opfer im Krimi nicht geschwiegen und die Polizei wäre dem Fall nachgegangen, dann hätte die Geschichte einen anderen Gang genommen und das Buch wäre wahrscheinlich 500 Seiten dünner geworden.

Rauchen in Japan

Neben den vielen ernsten Themen ein kleiner Fun-Fact:

Die Zigarettenmarken in Japan von 1973 bis 1993 im Wandel werden hier mal sehr genau dokumentiert.

Auch 1993 rauchte scheinbar noch jeder und überall in Japan.

Aber interessant ist, dass sich die Marken in der Zeit veränderten und immer mal wieder eine andere angesagt war.

Kulinarisches Japan

Ungewöhnlich selten für einen japanischen Roman wird das Essen beschrieben.

Aber die Infos, die so ganz nebenbei in die Story gestreut werden, sind umso interessanter.

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Mein Fazit

Fesselnder Japan-Krimi der mich für zwei Tage in das Japan der 70er und 80er entführt hat.

Der Überblick über die wichtigsten Personen (insgesamt 19!!!), wurden praktischerweise auf das Lesezeichen gedruckt und haben mir sehr geholfen, die Charaktere einordnen zu können.

Gute Idee, denn viele japanische Namen lassen sich nicht so leicht einprägen und es gibt nichts Schlimmeres, als dass man von einer Person im Roman liest und nicht mehr genau weiß, wer das eigentlich war (was bei 720 Seiten schon mal vorkommen kann).

Die hier gewählte Erzähl-Perspektive macht eine kurze Personenbeschreibung zur Einordnung nicht so einfach möglich.

Ein paar unbeantwortete Fragen bleiben bei mir, auch nach Auflösung des Falles.

Das gehört zum Krimi dazu, habe ich mir sagen lassen, damit sich der Leser im Nachgang noch seine eigenen Gedanken machen kann.

Und das hat das Buch bei mir auf jeden Fall geschafft:

Es hat mich nachdenklich gemacht und ich hatte das Bedürfnis, darüber sprechen und es jedem empfehlen zu müssen, um es im Anschluss diskutieren zu können.

Sonst hätte ich diesen Artikel wohl nicht so schnell fertig bekommen.

Übrigens, der Umschlag hat eine tolle Haptik.

Allerdings würde ich mich heute für die eBook-Variante entscheiden – kein Buch, um es mal so im Alltag in der Tasche herumzutragen.

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Der Film zum Buch

Unter dem Titel „Under the White Night“ ist 2011 der Film zum Buch in Japan erschienen.

Bereits 2009 erschien in Korea der Film „White Night“ basierend auf die Geschichte des Thrillers.

Da ich das Buch nun schon gelesen habe und ich die Story kenne, wird der Film mich mit Sicherheit nicht mehr vom Hocker reißen.

Ich halte nicht viel von Buchverfilmungen und fand die bisher immer sehr enttäuschend. Sich eigene Bilder im Kopf zu machen finde ich einfach sehr viel reizvoller.

Aber wer sich keine 720 spannende Seiten in Textform hingeben möchte, der wird wohl oder übel auf einen der Filme zurückgreifen müssen.

Der Unterschied zwischen der koreanischen und der japanischen Umsetzung des Buches würde mich aber schon sehr interessieren.

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Wer ist Keigo Higashino?

1958 in Osaka geboren schreibt Higashino, Keigo im Genre Mystery, Krimi / Thriller.

Eines seiner Markenzeichen sind die vielen verschiedenen Charaktere, die in seinen Geschichten eine Rolle spielen.

Er hat zahlreiche Auszeichnungen und Preise gewonnen und viele seiner Bücher wurden bereits verfilmt.

Ins Deutsche wurden bisher nur diese Romane übersetzt:

  • Ich habe ihn getötet, 2016 / Klett-Cotta (Originaltitel: 私が彼を殺した • Watashi ga Kare o Koroshita)
  • Böse Absichten, 2015 / Klett-Cotta (Originaltitel: 悪意 • Akui)
  • Heilige Mörderin, 2014 / Klett-Cotta (Originaltitel: 聖女の救済 • Seijo no Kyūsai)
  • Verdächtige Geliebte, 2012 / Klett-Cotta (Originaltitel: 容疑者Xの献身 • Yōgisha X no Kenshin)
  • Mord am See, 2003 / Cass Verlag (Originaltitel: レイクサイド • Reikusaido)

Eine Auflistung aller Romane des Autors findest du bei Wikipedia.

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Informationen zum Buch

Autor: Keigo Higashino

Titel: Unter der Mitternachtssonne
Originaltitel: 白夜行 • Byakuyakō
Deutsche Übersetzung aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

Ursula Gräfe gehört für mich momentan zu den besten Übersetzerinnen von japanischen Romanen, unter anderem von Haruki Murakami, Ryu Murarami oder Yoko Ogawa.

Verlag: Tropen (Klett-Cotta)
Gebundene Ausgabe  mit 720 Seiten

Preis: €25,00
eBook: €19,99

ISBN: 978-3-6085-0348-7

Erscheinungsdatum: März 2018

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4 Kommentare

  1. Thao Nguyen

    Hallo, ich habe den japanischen Film bei der Berlinale 2011 gesehen. Ich kannte das Buch damals nicht und fand den Film echt fesselnd. Es ist schon lange her und ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber ich weißt noch, dass ich mit schwerem Herzen aus dem Kino ging. Da ich jetzt weißt, dass viele Bücher von Keigo Higashino auf deutsch übersetzt wurde, werde ich definitiv „Unter der Mitternachtssonne“ und die anderen Bücher lesen. Danke für den Beitrag.

    • Kann mir gut vorrollen, wie der Film gewirkt haben muss. Vielleicht sehe ich mir den doch noch an.

      Liebe Grüße Daniela

  2. Vielen Dank für die ausführliche Vorstellung. Das Buch ist direkt in meinem Einkaufswagen gelandet 😉 Eigentlich mag ich Krimis ja nicht so, aber du hast mich neugierig gemacht. Ich bin gespannt!

    • Da bin ich gespannt, wie es dir gefällt. Es ist gar nicht so sehr Krimi, sondern tatsächlich eine sehr spannende Geschichte, bei der der Leser immer den Mordfall im Kopf hat.
      Viel Spaß beim Lesen und mitfiebern.

      Liebe Grüße
      Daniela

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