Tag des Sports – Taiiku no Hi | 体育の日

Taiiku no Hi - 体育の日 - der Tag des Sports und der Gesundheit. Japanischer Feiertag. Sportveranstaltung einer japanischen Grundschule | Nipponinsider Japanblog

Ich habe ein Problem mit diesem Feiertag.

Ein ganz großes Problem.

Nein, nein. Ich mag Sport. Das ist es nicht.

Ich habe ein anderes Problem:

Der Tag des Sports und der Gesundheit ist einer dieser Feiertage, die ich nie ganz verstanden habe. 

Ist das nun der Sportsday in den Schulen? Begriffe dafür gibt es viele:

  • Undokai • 運動会 (die sportliche Veranstaltung)
  • Taiikusai • 体育祭 (das Sportfest)
  • Taiiku Taikai • 体育大会 (der Sportwettkampf)
  • Supotsu Taikai • スポーツ大会 (der Sportwettkampf)

„Nein! Der Feiertag hat damit erstmal nichts zu tun.“ erklärte man mir damals in Japan.

Für mich und für viele andere gehören Sportsday / Undokai und Feiertag aber doch irgendwie zusammen.

Während ich in Japan lebte und mein Mann Daisukeals angestellter Fotograf arbeitete, wiederholte sich die folgende Szene jedes Jahr im September so oder so ähnlich.

Alltagszene

Daisuke kommt von seiner Arbeit als Schulfotograf* nach Hause und eröffnet mir:

„So, die nächsten 6 Wochen muss ich durcharbeiten!“

„Wie? Auch nachts und an den Wochenenden?“

„Nachts natürlich nicht. Aber an den Wochenenden!“

„Du musst 7 Tage die Woche 8 Stunden am Tag arbeiten???“

„Nein. Ich muss 7 Tage die Woche 12 Stunden am Tag arbeiten!!!“

„Waaaassss? Und warum?“

„Die Undokai Saison geht los. Das sind die großen Sportveranstaltungen an den Schulen. Für die Schülerinnen und Schüler ist das eine ganz große Sache. Da schauen auch die Eltern zu. Deshalb finden die an den Wochenenden statt. Und natürlich muss das in Bildern festgehalten werden.“

„Aber was ist mit dem Feiertag im Oktober? Da musst du auch arbeiten?“

„Ja, das wird ein besonders anstrengender Arbeitstag werden. Das ist der Tag des Sports in Japan. An dem Tag gibt es selbstverständlich auch Undokais.“

„Und warum finden diese Sportveranstaltungen dann über die Wochen verteilt statt und nicht alle am Feiertag?“

„Du stellst immer Fragen. Keine Ahnung. Wahrscheinlich, damit wir Schulfotografen nicht zu viele Veranstaltungen an einem Tag haben.“

„Ach so. Na, dann frag ich halt deine Eltern, ob ich was mit denen unternehmen kann.“

„Ja. Das solltest du. In den nächsten Wochen wird das Wetter schön. Das ist nämlich Voraussetzung für die Undokais!“

„Und wenn es doch regnet?“

„Dann werden die verschoben und ich hätte frei. Aber die Wetterberichte sagen voraus: KEIN REGEN! Und auf die ist in Japan immer Verlass! Deshalb stehen jetzt auch die Termine für die Undokais fest!“

„Ach so.“

„Die nächsten Wochenenden hast du also deine Ruhe. Aber sag mal, was gibt’s heute eigentlich zu Essen? …“

*Als Schulfotograf ist Daisuke für gut 40 Kindergärten und Schulen in der Umgebung zuständig. Er macht die Fotos für die Jahrbücher, begleitet die Schülerinnen und Schüler zu Sportwettkämpfen, geht mit auf Klassenfahrten und ist bei jeder großen Veranstaltung der Schule dabei. 

Undokai – die olympischen Spiele im Kleinformat

Die Sportfeste existieren übrigens schon seit über 100 Jahren. Den Feiertag hat man sich aber erst 1964 überlegt. Vielleicht ist das ein Grund, warum das Sportfest nicht zwangläufig am Feiertag veranstaltet wird?

Undokai ist aber nicht nur eine einfache Sportveranstaltung.

Undokai – das ist ein gut durchorganisierter Tag, sogar bei den kleinen Pupsern im Kindergarten.

Es erinnert an die olympischen Spiele: Eingangszeremonie, Einlaufen der Teams, Wettkämpfe und Siegerehrung.

Tatsächlich geht es eher ums Spielen als um knallharten Wettkampf. Trotzdem hat mich der sportliche Ehrgeiz der japanischen Schülerinnen und Schüler immer sehr beeindruckt.

Die Vorbereitungen auf das große Sportfest im Herbst beginnen mit dem Schulbeginn nach den Sommerferien im September. Die Aufregung ist deutlich spürbar und das ein paar Unterrichtsstunden für Proben und Kostüme draufgehen, scheint die Lehrerinnen und Lehrer nicht zu stören.

Klar es geht um Sport und Bewegung, aber auch um das Miteinander, um dem Punktekampf, um Solidarität mit den Schwächeren im Team und vor allem um Spaß.

Die Schule ist dabei plötzlich wochenlang in zwei Lager gespalten: Team Rot und Team Weiß – die Farben der japanischen Flagge.

Jedes Undokai ist anders

Allerdings, und das macht die Sache wirklich kompliziert, gibt es so viele unterschiedliche Undokais, wie es Schulen gibt.

Nach rund 50 YouTube Videos, die ich mir in den letzten Tagen zu dem Thema angeschaut habe und nochmal genauso viele Blogartikel, die ich gelesen habe, steht für mich fest: Undokai ist ’ne große Sache für die Teilnehmer und eine Freude, da zuzusehen. Aber jede Schule macht das irgendwie anders. Es gibt große Schulen, die haben nicht nur zwei Teams, sondern drei, vier, fünf oder mehr.

Das schönste Video, das die Atmosphäre sehr gut wiedergibt, habe ich hier einmal für dich herausgesucht.

So ähnlich habe auch ich den Sportsday erlebt, auch wenn ich noch nie so viele Teams gesehen habe wie in diesem Video. Aber jede Schule feiert halt anders.

Und mit dem Lied im Video verbinde ich selbst viele Erinnerungen an Japan und an meine Zeit als Englischlehrerin an einer Junior High School.

Mach dir hier einfach mal ein Bild vom Undokai:

 

„Was ist denn nun mit diesem Feiertag?“, wirst du dich die ganze Zeit fragen.

Taiiku no Hi – Entstehung des Feiertags

Bei den olympischen Sommerspiele in Tokyo 1964 handelte es sich in Wirklichkeit eher um Herbstspiele. Zum ersten Mal in der Geschichte fand die sportliche Großveranstaltung im Oktober statt. Der japanische Sommer ist in der Metropole Tokyo einfach zu heiß, um sportliche Höchstleistung zu bringen.

Ein guter Anlass, einen neuen Feiertag in Japan einzuführen. Gesagt, getan. 2 Jahre später haben die Japaner ihren Tag des Sports.

Seit 1966 gibt es den Taiiku no Hi, zunächst am 10. Oktober, zur Erinnerung an die Eröffnung der Spiele. Seit 2000 hat man daraus einen Happy Monday Feiertag gemacht:

Der 2. Montag im Oktober steht ganz im Sinne des Sports und der Gesundheit.

Ein Tag des Sports und der Gesundheit

Denn Sport ist wichtig.

Das Bewegung gut tut, ist ja kein großes Geheimnis. Es hält gesund, fördert Konzentration und Leistung und motiviert!

Aber wie motiviert man Menschen zum Sport? Vielleicht ein freien Tag, der unter dem Motto steht?

Wer meine Feiertagsartikel kennt, der weiß: So einfach ist das nicht! Japaner freuen sich natürlich über den arbeitsfreien Tag, aber am Tag des Berges wandern sie nicht alle auf den Bergen. Auch am Tag des Meeres bleiben viele einfach zu Hause oder streifen durch die Shoppingzentren des Landes. Beim Tag des Sports sieht es da nicht anders aus.

Wie wird gefeiert?

Wenn nicht gerade irgendwo eine Schule ihr Sportfest veranstaltet, zu dem die Schülerinnen, Schüler, Lehrer und Eltern gehen, dann gibt es in den Parks und auf großen Plätzen der Gemeinden verschiedenen sportliche Aktivitäten, bei denen alle mitmachen können.

Auch gibt es einige Firmen, die an dem Feiertag ihr Betriebs-Undokai veranstalten.

Apropos: Betriebssport ist in Japan üblich. Ob es nun morgens vor Arbeitsbeginn oder zwischendurch ein Runde Gymnastik für alle gibt, ist dabei von Unternehmen zu Unternehmen anders geregelt. Tatsächlich gibt es die 5-minütige Gymnastik-Musik morgens im Fernsehen oder im Radio, aber auch auf CD oder als praktische App für unterwegs.

Es wirkte auf den ersten Blick für mich etwas befremdlich, als ich die Mitarbeiter einer McDonald Filiale dabei beobachtete, wie sie vor dem Restaurant zu dröhnend scheppernder Popmusik ihre Gymnastik in Arbeitsbekleidung machten.

Aber trotz der Begeisterung zum Sport in Japan, das lange Wochenende nutzen viele auch einfach nur, um nichts zu tun und sich zu erholen: Der Gesundheit zuliebe.

Oder es geht zum Momijigari hinaus in die Natur, denn jetzt beginnt die Zeit der herbstlichen Laubfärbung. Den Herbstfarben hinterherjagen, auch das kann Sport sein.

Nicht zu vergessen: der Besuch eines Onsens – einer heißen Quelle – und anschließend wird gut gegessen. Auf jeden Fall gesund.

Übrigens…

Einige Schulen haben ihre Sportfeste in den Frühling verlegt. So kam Daisuke Ende April abends nach Hause und eröffnete mir:

„Die nächsten Wochenenden bist du mich los – UNDOKAI Saison geht wieder los!

Fotos vom Undokai an einer Grunsschule: Eingangzeremonie und Spiel im Team | ChibiMama Nipponinsider

©2016 ChibiMama Photography | Undokai am 25. 9.2016 Grundschule in Yomitan / Okinawa

Die Fotos dieses Artikels hat mir eine liebe Freundin zur Verfügung gestellt, die unter dem Namen ChibiMama als Fotografin auf Okinawa lebt. Ihre Spezialgebiete sind Kinderfotos, Sport und Landschaften. Daisukes Fotos durfte ich leider nicht verwenden, da sie Eigentum der Firma sind, für die er damals gearbeitet hat.

Was hältst du vom Tag des Sports? Würde dich so ein Feiertag motivieren?

Den nächsten nationalen Feiertag gibt es am 3. November:
文化の日 • Bunka no Hi • Tag der Kultur

19 Kommentare

  1. Pingback: Was wir diese Woche verfolgten – KW 40 2016 - 1mal1japan.de

  2. Total suspekt, davon habe ich noch nie gehört. Aber super interessant, was man in anderen Ländern so für Feiertage hat!
    Liebe Grüße
    Janet

    • Andere Länder, andere Feiertage. Davon haben wir hier In Deutschland ja leider viel zu wenig…

  3. Klingt ein wenig nach „Bundesjugendspiele in extrem“ 🙂 aber der Grundsatz ist gar nicht schlecht. Wir bewegen uns alle viel zu wenig und gerade uns Büromenschen würden 5 Minuten kollektive Gymnastik am Morgen nicht schaden.
    LG

    • Wobei ich so kollektive Gymnastik irgendwie peinlich finde. Dann lieber allein. Ich fahre einfach mit dem Fahrrad zur Arbeit und rede mir dann ein, genug Sport gehabt zu haben.

      Liebe Grüße
      Daniela | Nipponinsider

  4. Krass Daniela,
    das war mal wieder super informativ. Danke dir für die aufwändige Recherche (50 Youtubevideos??? oha). Schon lustig, welche Traditionen in anderen Ländern herrschen und gerade Japan scheint ja ein Land zu sein, welches seine Traditionen liebt. Bei der Szene mit den McDonalds Mitarbeitern musste ich gut lachen. Also mache weiter so und bringe mir auch zukünftig immer ein bissl Japan in die Wohnstube:)
    Liebe Grüße
    Nicole von CicoBerlin

    • Liebe Nicole,

      vielen lieben Dank. Freue mich, dass es dir gefallen hat und ich dich zum Lachen bringen konnte.
      Ein bisschen fehlt mir das alles aus Japan schon manchmal. Aber dafür gibt es ja dann YouTube und Blogs 😉

      Liebe Grüße
      Daniela | Nipponinsider

  5. Davon hab ich ja noch nie was gehört bzw. gelesen. Danke dafür – ist immer wieder gut, sich mal mit Dingen auseinanderzusetzen die man bis dato noch nicht kannte und so seinen Horizont zu erweitern.

    • Super, dass es für dich mal was Neues war. Viele japanischen Feiertage sind irgendwie anders 😉

  6. Dein schöner Bericht beweist, in anderen Ländern gibt es ein komplett anderes Körpergefühl, denn bei uns.
    Spannend zu lesen 🙂

    Liebe Grüße
    Katja

  7. Erinnert mich ein wenig an die Schulsportfeste während meiner Schulzeit, die allerdings schon einige Jährchen zurück liegt. 🙂 Keine Ahnung, ob das heute noch so ist. Ich finde es toll, wie Du Einblick ins japanische Leben gibst, Daniela.

    • Bei mir gab es nur Bundesjugendspiele – ist auch schon ne Weile her. Keine Ahnung, ob es die noch gibt. Aber da hat ja eher jeder für sich selbst gekämpft. Ich fand das immer doof.
      Liebe Grüße
      Daniela | Nipponinsider

  8. Kann mich nur anschliessen! Ein richtig toller Einblick und schön geschrieben! Ich gehe jetzt nochmal durch den Blog stöbern!

    Liebe Grüße
    Sascha

    • Lieber Sascha.
      Das freut mich. Viel Spaß beim Stöbern 😉 Sag mir doch was dir am besten gefallen hat, und was nichts gut ist.

      Liebe Grüße
      Daniela | Nipponinsider

  9. Wow. Das klingt echt spannend. Sieht so aus, als haette das Sportfest den gleichen Stellenwert wie der Superbowl in Amerika. Hatte auch nie zuvor davon gehoert. Da Japan immer noch auf meiner Bucketlist steht, waere es schon interessant mal im Oktober dort hinzureisen.

    • Japan im Oktober ist wegen der Herbstfarben und des angenehmen Klimas auf jeden Fall zu empfehlen. Wegen des Sportfeste eher nicht. Das ist winzig und wird individuell am den Schulen veranstaltet. Ist halt eher mit unseren Schulfesten zu vergleichen.

      Superbowl ist vielleicht nicht der richtige Vergleich.

      Dazu gibt es im August das große National Baseball Tournament der Highschools. Das wird auch im Fernsehn übertragen. Aber an den Superbowl kommt das auch nicht ran… Lange nicht 😉

  10. Klingt nach einem komplizierten aber schönen Feiertag!
    Vor allem finde ich es richtig gut, dass Sport/Gymnastizierung ganz normal in den Alltag vieler Japaner gehört wie du berichtet hast 🙂
    Immer schön was man von anderen Kulturen lernen kann!
    Lieben Gruß! 🙂

    • Ja, Sport sollte wirklich selbstverständlich sein. Ist leider auch bei Japanern nicht immer so.

      Wenn ich da an China denke, wo man sich Abends auf den Plätzen der Stadt zum tanzen trifft. Das fand ich wirklich klasse. Aber wenn es hier in Deutschland sowas gäbe, ich würde wahrscheinlich nicht hingehen, weil es nicht wirklich zu unserer Kultur passt 😉

      Aber man weiß ja nie.

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